Achter Beitrag

Montag, 15. Januar 2007

Geschichte im Netz

Der Text beschäftigt sich mit der Praxis, den Chancen und den Visionen der Geschichtswissenschaft im Netz. Der Autor stellt fest, dass es sich immer noch um eine Minderheitengeschichte handelt, da die meisten Sites, die sich grob gesagt mit „Geschichte“ beschäftigen, nicht von HistorikerInnen, sondern von interessierten Laien erstellt wurden. Kritisch merkt der Autor an, dass viele Sites – hier werden explizit die Sites, die sich dem „Gedankenjahr“ 2005 widmeten erwähnt – didaktisch noch einiges zu wünschen lassen. Besonderer Aufmerksamkeit bedürften Computerspiele und Webgames.
Die Praxis geschichtswissenschaftlicher Seiten im Netz wird vom Autor als komplexer Prozess, dessen wesentliches Merkmal die Systemmodifikation sei, beschrieben; wobei der Terminus System die Geschichtswissenschaft als institutionalisiertes Kommunikationssystem bezeichnet.
Modifiziert werden die Kommunikationsmedien selber wie auch ihr systemischer Zusammenhang, modifiziert wird das traditionelle System geschichtswissenschaftlicher Kommunikation, (S. 4). Es kommt zum interessanten Phänomen der Remediation, indem sich alte und neue Medien gegenseitig beeinflussen – darin besteht die Systemmodifikation. Verändert werden z.B. die Schreibformate. Aus einigen Gründen erfordert eine Website die Granulierung oder Portionierung der Inhalte, so dass Texte schon im Vorhinein medienadäquat geschrieben werden müssen, soll heißen: kurz und bündig, konzentriert, an den „Enden“ offen für Erweiterungen. Diese Modularisierung führt aber erst dann zur Entstehung sinnvoller informationeller Einheiten, wenn die Module zu Netzwerken verknüpft werden können. Module sind nicht nur Bausteine unkomplexer Rezeptionsprozesse, wie oft unterstellt wird, sondern Bausteine individueller Sinnbildung, (S. 6).
Aber auch was die klassischen Publikationsformate betrifft kann eine Multiplizierung beobachtet werden. Der Autor hält zudem fest, dass in gewissem Sinne wissenschaftliche Forschung nie etwas anderes als einen Diskussionsstand darstellt. Als bezeichnend wird auch die Tendenz, denselben Wissensbestand sowohl mit Hilfe der alten als auch der neuen Medien zu publizieren, ausgewiesen. Dieses backing sei ein Zeichen dafür, dass beide Systemteile nunmehr auf einander angewiesen seien. Die Chancen für die Geschichtswissenschaft, die durch das Internet inauguriert werden, sind mannigfaltig. Unter anderem kann eine Verflüssigung und Beschleunigung der Kommunikation beobachtet werden, wodurch sich zumindest potentiell Forschung verschnellert. Das Publikum des Internet gestaltet sich diffus, wobei sich Barrierelosigkeit des Netzes in der Praxis eher als Chance denn als tatsächlich genutzter Freiraum erweist. Und:
Um es deutlich zu sagen; die Barrierelosigkeit und Offenheit des Netzes ist aus der Sicht der Geschichtswissenschaft nur dann positiv zu werten, wenn sie die Qualitätsstandards setzt und durchsetzt, wenn sie die Inhalte schafft, (S. 9).
Eine andere wesentliche Chance besteht im multimedialen Charakter des Netzes, was auch Inter- oder Multidisziplinarität mit einschließt, sowohl was das Forschen als auch was das Darstellen betrifft. Mit der Zielgruppenoffenheit des Netzes gehen auch eine aktive Sinnbildung durch die UserInnen und ein Bedeutungsverlust des autoritativen oder autoritären Wissens einher.
Der Autor geht auch kurz auf das Konzept von E-Learning ein; hier unterstreicht der Autor vor allem Elemente wie Verflüssigung der Kommunikationsabläufe und Erhöhung der Verantwortung des Individuums für die Wissens- und Sinnbildung. Doch nicht nur das:
Da gerade Nobelpreisträger nicht müde werden, auf den Zusammenhang von Wissenschaft und Fun hinzuweisen, fühle ich mich legitimiert zu sagen, dass der Einsatz des Netzes den Fun-Faktor in der Geschichtswissenschaft auf produktive Weise wieder erhöht und im Übrigen die traditionelle zivilisatorische Grenze zwischen Wissenschaft und Alltag öffnet, (S. 13).
Ebenfalls darauf hingewiesen wird, dass das Netz auch im System der Geschichtswissenschaft die Beziehungen zwischen Individuum, Kollektiv und wissenschaftlichem Wissen verändert, wodurch das Individuum ein Teil eines riesigen Wissensnetzwerks mit einer größeren Verantwortung für den Sinnbildungsprozess wird – die dominante Stellung von Einzelpersonen wird geschwächt.
Internet und Web werden kulturgeschichtlich als Medienrevolution charakterisiert – bezogen auf die Fundamentalität der Transformationen selbst kann tatsächlich ein Vergleich mit dem Übergang zur Schriftlichkeit oder dem Buchdruck gezogen werden. Dabei ist festzuhalten, dass diese Medienrevolutionen Teil einer umfassenden Veränderung der Kultur(en) ist. Kultur ist dabei ein komplexer Code, der die Bedeutungen menschlichen Handelns kodiert – Subcodes werden ausgebildet. Wie in der Semiotik sind auch hier Bezeichnendes und Bezeichnetes im Konnex zu betrachten. Weiter:
Das Netz bedeutet zunächst einmal selbst einen Subcode, der bestimmte Transformationen codiert, (S. 17).
Und was übersetzt das Netz als Subcode: Es handelt sich dabei um eine nicht-essentialistische, hybride, fluide, volatile, hypertextuelle Zivilisation, wobei diese in der metropolen, sich rasch verändernden Stadt anzusiedeln ist. Dies ist als Beginn eines neuen Individualisierungsprozesses anzusehen.
Die Veränderung unserer Zivilisation, unserer Alltagswelt, die immer mehr nach Hypertext-Muster funktioniert, ist es, die auch eine durchschlagende Veränderung geschichtswissenschaftlicher Grundpositionen mit sich führt, da die Fragen, die wir an die Geschichte stellen, an unsere Gegenwart gebunden sind. .

Kommentar:
Einige interessante Punkte werden in diesem Text, der scheinbar im Zuge einer Tagung entstanden ist, angesprochen. Zum einen ist es sehr interessant, dass der Autor die Gefahr der Einrichtung eines geschichtswissenschaftlichen Webspace, der kostenpflichtig, passwortgeschützt und ähnliches sein könnte – womit, so auch der Autor, das Bauwerk des wissenschaftlichen Elfenbeinturms perpetuiert werden könnte. In diesem Zusammenhang ist auch ein weiteres Zitat zu erwähnen:
Ob die Entwicklung des WWW die Geschichtswissenschaft auf diesem neuen, gelegentlich als Weg demokratisierter wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion bezeichneten Weg geführt hat [...],
schreibt der Autor in einem anderen Zusammenhang. Gerne würde ich wissen, ob er sie auch als demokratisiert bezeichnen würde, diese Form der Erkenntnisproduktion. Die Verwendung des eher distanziert wirkenden „bezeichnen“ lässt zumindest eine gewisse Skepsis vermuten, die auch anderswo in diesem Text zu finden ist, nämlich dort, wo der Autor, die Aussicht, dass bald wesentliche Forschungsimpulse nur noch vom Netz ausgehen werden, bewusst unter Chancen und nicht unter Visionen (was sich doch hoffnungsvoller und optimistischer geben würde als die schnöden Chancen).
Einige interessante Diskussionspunkte werden im Text angesprochen. Der Autor meint etwa, wie oben bereits erwähnt, dass in gewissem Sinne wissenschaftliche Forschung nie etwas anderes als einen Diskussionsstand darstellt. Ich würde das genauso sehen – ob da wohl alle mitkönnen?
Diejenige Wissenschaft, die hier beherzt zugreifen kann, das heißt entsprechende Kräfte, Energien und Gelder in die professionelle und umfassende Nutzung aller Potenziale des Netzes leitet, hat aufgrund der rasant wachsenden Nutzungsraten des Web, die sich arithmetisch auch als Bedeutungszuwachs rechnen lassen, die Chance ihre Platzierung im System der Wissenschaften und der Wissenschaftspolitik zu verbessern (S. 14).
Hier bin aber ich, falls ich die Passage richtig interpretiert habe, nicht einer Meinung mit dem Autor – und das ganz unabhängig vom Zusammenhang mit dem Internet: Was genau bedeutet es, dass die Geschichtswissenschaft versuchen soll, ihren Platz im System der Wissenschaften zu verbessern? Soll ich mir das „Wissenschafts-System“ als Olympische Spiele vorstellen, samt Ranking? Mathematik vor Altsemitischer Philologie vor Maschinenbau vor Geschichte?
Abschließend: Wo der Fun-Faktor bleibt, wird man/frau mir vielleicht doch ein wenig eingehender erklären müssen, ansonsten habe ich den Text als lesenswert empfunden, vor allem weil er an einigen Stellen Zukunftsvisionen aufgezeichnet und versucht hat, aufzuzeigen, wohin sich unsere momentane Zivilisation hin entwickeln kann(/könnte).

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